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IT-Kosten steigen, obwohl Unternehmen sparen wollen

Das Problem liegt selten nur in Technologie. Häufig liegt es in gewachsener Komplexität, technischen Schulden und Entscheidungen, die zu lange vertagt wurden.

Kategorie
IT-Governance & Strategie
Veröffentlicht
04. Juni 2026
Lesedauer
7 Minuten
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IT-Kosten steigen, obwohl Unternehmen sparen wollen | Andreas WöhrmannN°08 · IT-Governance & Strategie

Viele Unternehmen schauen gerade sehr genau auf ihre Kosten. Budgets werden überprüft, Investitionen hinterfragt, neue Stellen kritisch bewertet. Auch die IT steht dabei regelmäßig im Fokus.

Trotzdem werden IT-Budgets in vielen Organisationen nicht kleiner. Lizenzen, Cloud, Security, externe Dienstleister und Betriebsaufwand nehmen zu, selbst wenn überall gespart werden soll.

Die naheliegende Reaktion ist schnell formuliert. Die IT ist zu teuer geworden.

Ich halte diese Diagnose für zu bequem. Sie beschreibt nur, was auf der Rechnung steht. Sie erklärt aber nicht, warum die Organisation dahinter immer schwerer steuerbar wird. Genau dort liegt meistens das eigentliche Problem.

Die meisten IT-Kosten entstehen nicht durch Technologie

Wenn über IT-Kosten gesprochen wird, richtet sich der Blick zuerst auf die sichtbaren Positionen. Cloud, Lizenzen, Hardware, Security und externe Dienstleister stehen auf Rechnungen. Sie lassen sich benennen, vergleichen und verhandeln.

Die eigentlichen Kostentreiber liegen aber oft tiefer. Historisch gewachsene Strukturen. Sonderlösungen. Fehlende Standards. Parallele Systeme. Unklare Verantwortlichkeiten. Technische Schulden. Und Entscheidungen, die irgendwann getroffen werden müssten, aber immer wieder verschoben werden.

Technologie verursacht Kosten. Komplexität vervielfacht sie.

Das Problem entsteht selten auf einmal. Meist wächst es über Jahre. Eine nachvollziehbare Entscheidung kommt zur nächsten. Mal geht es um Liefertermine, mal um Budget, mal um Kundenanforderungen oder interne Prioritäten. Für sich genommen ist vieles davon vertretbar. In Summe entsteht aber eine Struktur, die immer schwerer zu steuern wird.

Nichts davon wirkt im Moment falsch. Genau das macht es gefährlich.

Technische Schulden sind selten ein IT-Problem

Der Begriff „technische Schulden“ klingt nach einem rein technischen Thema. Ich halte das für irreführend.

Technische Schulden entstehen selten durch schlechte Administratoren, Architekten oder Entwickler. Sie entstehen durch Entscheidungen. Ein Upgrade wird verschoben. Eine Sonderlogik bleibt bestehen. Eine Schnittstelle wird schnell gebaut statt sauber integriert. Ein Projekt bekommt Priorität, die Modernisierung bleibt liegen.

Einzeln betrachtet wirkt vieles davon sinnvoll. Über Jahre entsteht daraus eine Umgebung, in der jede weitere Veränderung langsamer, teurer und riskanter wird.

Wachsendes Netz aus dem Zentrum heraus. Nachvollziehbare Einzelentscheidungen erzeugen Komplexität.

Technische Schulden sind deshalb keine reine IT-Frage. Sie sind die Folge organisatorischer und wirtschaftlicher Entscheidungen. Früher oder später werden sie zu einem Kostenproblem, das auf dem Tisch des Managements landet.

Und spätestens dann reicht es nicht mehr, nur auf die IT zu zeigen.

Die teuersten Systeme sind oft nicht die sichtbarsten

Viele Unternehmen kennen ihre großen Anwendungen. ERP, CRM, Produktionssysteme und Datenplattformen sind sichtbar. Sie haben Budgets, Verantwortliche und Aufmerksamkeit.

Unterschätzt werden meist die kleinen Systeme dazwischen.

Die Sonderlösung eines Fachbereichs. Die historische Schnittstelle. Die lokale Datenbank. Der individuelle Workflow. Die Anwendung, die vor Jahren eingeführt wurde und inzwischen still und leise geschäftskritisch geworden ist.

Für sich betrachtet wirken diese Systeme oft unbedeutend. Zusammen erzeugen sie einen erheblichen Teil des Aufwands. Nicht nur über Lizenzgebühren, sondern über Betrieb, Support, Sicherheit, Berechtigungen, Schnittstellen, Dokumentation und Abhängigkeiten.

Je älter eine IT-Landschaft wird, desto mehr Geld fließt nicht mehr in Veränderung, sondern in Erhaltung. Hier verschwinden viele IT-Budgets, ohne dass es jemand bewusst entschieden hätte.

Der Flexera State of the Cloud Report zeigt das für Cloud-Umgebungen besonders deutlich. Viele Unternehmen tun sich schwer, ihre Ausgaben zu steuern. Fehlende Governance erzeugt messbare Mehrkosten. Ein erheblicher Teil der Ausgaben gilt branchenweit als Verschwendung. Nicht weil die Technologie grundsätzlich schlecht wäre, sondern weil Steuerung fehlt.

Nach einem Merger wird Komplexität besonders sichtbar

Besonders deutlich wird das nach Zusammenschlüssen oder Übernahmen.

Mehrere Unternehmen werden organisatorisch zusammengeführt. Auf dem Papier entsteht eine gemeinsame Struktur. In der Praxis bleiben aber viele Systeme, Prozesse und Arbeitsweisen nebeneinander bestehen.

Ich habe genau das erlebt. Nach einem Merger wurden mehrere Unternehmen zusammengeführt. Viele Themen wurden neu sortiert. Einige Systeme wurden vereinheitlicht. Andere blieben einfach bestehen. Darunter auch ein Projektmanagement-Tool, das nie sauber angeglichen oder konsolidiert wurde.

Nicht, weil es technisch unmöglich gewesen wäre. Sondern weil niemand die Führungsentscheidung treffen wollte.

Denn eine Konsolidierung ist unbequem. Sie erzeugt Diskussionen. Fachbereiche verlieren Gewohnheiten. Bestehende Projekte müssen umgestellt werden. Verantwortlichkeiten werden sichtbar. Es gibt Widerstand.

Also bleibt die alte Lösung bestehen. Zusätzlich zur neuen. Vielleicht nicht offiziell gewollt, aber faktisch akzeptiert.

Genau so entsteht Komplexität.

Nicht durch einen großen Fehler. Sondern durch vermiedene Entscheidungen.

Sparen und gleichzeitig Komplexität erhöhen funktioniert nicht

Unternehmen wollen Kosten reduzieren. Gleichzeitig entstehen neue Tools, neue Sonderprozesse, neue Integrationen und neue Ausnahmen.

Das ist der eigentliche Widerspruch.

Jede Ausnahme muss betrieben, abgesichert, dokumentiert, aktualisiert und irgendwann wieder abgelöst werden. Am Anfang wirkt sie pragmatisch. Später wird sie Teil der Kostenstruktur.

Standardisierung wird in vielen Organisationen als Einschränkung wahrgenommen. Ich sehe das anders. Gute Standards sind keine Bürokratie. Sie sind ein Schutz gegen unnötige Komplexität.

Das bedeutet nicht, dass jede Abweichung falsch ist. Aber jede Abweichung braucht eine bewusste Entscheidung. Wer Ausnahmen zulässt, muss auch wissen, welche Kosten, Risiken und Abhängigkeiten damit entstehen.

Viele IT-Einsparungen scheitern genau daran. Man kürzt Budgets, lässt aber die Komplexität unangetastet. Dann sinken vielleicht kurzfristig die Ausgaben. Der Aufwand verschwindet aber nicht. Er kommt später zurück.

Meistens teurer.

Die teuerste Arbeit findet häufig im Hintergrund statt

Ein großer Teil moderner IT-Arbeit ist für das Management kaum sichtbar. Dazu gehören Patchen, Dokumentieren, Monitoring, Security, Lifecycle-Management, Berechtigungen, Lieferantensteuerung, Audit-Anforderungen, Notfallvorsorge und Plattformpflege.

Viele dieser Tätigkeiten erzeugen keinen direkt sichtbaren Geschäftsnutzen. Sie erzeugen Stabilität.

Genau deshalb werden sie unterschätzt. Und genau deshalb werden sie oft verschoben.

Viele kleine, unscheinbare Aufgaben sammeln sich im Hintergrund an, bis ein ganzer Block gleichzeitig fällig wird.

Aufgeschoben verschwinden diese Aufgaben jedoch nicht. Sie sammeln sich an. Irgendwann wirkt der Aufwand plötzlich sprunghaft höher. Häufig wird dann nur Arbeit sichtbar, die über längere Zeit liegen geblieben ist.

McKinsey beschreibt diesen Effekt im Kontext von Modernisierungsprogrammen regelmäßig. Technische Schulden und aufgeschobene Investitionen blockieren nicht nur Stabilität. Sie blockieren auch die Fähigkeit, gezielt zu verändern. Wer jahrelang nur erhält, verliert irgendwann Spielraum.

Warum Kostendruck oft die falschen Entscheidungen erzeugt

Kostendruck hat häufig einen paradoxen Effekt. Je stärker gespart werden soll, desto schwerer fallen langfristig sinnvolle Entscheidungen.

Modernisierungen werden verschoben. Lifecycle-Projekte verzögert. Technische Schulden akzeptiert. Dokumentation reduziert. Standards aufgeweicht.

Kurzfristig sieht das nach Disziplin aus. Die Kosten sinken zunächst. Die Organisation wirkt handlungsfähig. Das Budget ist eingehalten.

Aber häufig wurde nicht wirklich gespart. Es wurde nur Aufwand verschoben.

Eine Einsparung im ersten Jahr kommt im dritten oder vierten Jahr als deutlich größeres Modernisierungsprojekt zurück. Dann nicht mehr freiwillig, sondern unter Druck. Mit höheren Risiken. Mit weniger Zeit. Und oft mit deutlich höheren Kosten.

Viele IT-Einsparungen sind deshalb keine echten Einsparungen. Sie sind Risikoverlagerung.

Kleine Münze vor großem Schuldenberg. Kurzfristige Einsparung, die als größeres Problem zurückkommt.

Die Deloitte Global Technology Leadership Study zeigt in dieselbe Richtung. Von IT-Führung wird heute erwartet, gleichzeitig zu betreiben, zu verändern, zu schützen und Wachstum zu ermöglichen. Finanzierungs- und Governance-Modelle halten damit oft nicht Schritt.

Wer in diesem Umfeld nur über Budgetkürzung nachdenkt, verschärft genau die Lücke, die er eigentlich schließen müsste.

IT-Kosten sind häufig ein Steuerungsproblem

Je länger ich IT-Organisationen verantworte, desto deutlicher wird ein Muster. Die wenigsten Kostenprobleme lassen sich allein auf Technologie zurückführen.

Sie entstehen dort, wo Prioritäten unklar bleiben. Wo Verantwortlichkeiten verschwimmen. Wo Ausnahmen zur Regel werden. Wo technische Schulden bekannt sind, aber nicht systematisch adressiert werden. Und wo notwendige Entscheidungen aus Rücksicht auf kurzfristige Ruhe immer wieder vertagt werden.

Deshalb beginnt wirksame Kostensteuerung selten beim Budget. Sie beginnt früher.

Welche Systeme bleiben bestehen? Welche werden abgelöst? Welche Standards gelten verbindlich? Welche Ausnahmen werden akzeptiert? Welche technischen Schulden werden bewusst reduziert? Welche Entscheidungen dürfen nicht länger liegen bleiben?

Das sind keine technischen Fragen.

Das sind Führungsfragen.

Die eigentliche Frage lautet nicht, wie viel IT kostet

Natürlich müssen Unternehmen wirtschaftlich arbeiten. Natürlich müssen IT-Kosten kontrollierbar bleiben.

Aber die entscheidende Frage ist eine andere: Versteht das Unternehmen noch, warum seine IT kostet, was sie kostet?

Wenn Systeme, Ausnahmen, Schnittstellen und technische Schulden nicht aktiv gesteuert werden, entsteht keine echte Kostenkontrolle. Dann wird nur auf Rechnungen reagiert.

Unternehmen mit klaren Standards, nachvollziehbaren Entscheidungen und aktiver Steuerung technischer Schulden investieren nicht automatisch weniger. Aber sie investieren gezielter. Und genau das macht langfristig den Unterschied.

Wer IT-Kosten nur über Budgets betrachtet, läuft den Kosten dauerhaft hinterher. Wer die zugrunde liegenden Entscheidungen betrachtet, kann die Ursache verändern.

Am Ende geht es nicht darum, IT billig zu machen. Es geht darum, IT wieder steuerbar zu machen.

Quellen

  • Flexera, 2026 State of the Cloud Report, flexera.com
  • Deloitte, 2026 Global Technology Leadership Study, deloitte.com
  • McKinsey & Company, Tech debt. Reclaiming tech equity, mckinsey.com
Portrait von Andreas Wöhrmann.

Autor

Andreas Wöhrmann

Andreas Wöhrmann ist IT-Führungskraft mit Schwerpunkt auf IT-Transformation, Governance, Cybersecurity, ERP/SAP und Operational Excellence im industriellen Mittelstand. Er schreibt über IT-Strukturen, die strategisch sinnvoll, operativ belastbar und organisatorisch wirksam sind.

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